Keine Angst vor der Hypnose

Keine Angst vor der Hypnose

(Würzburger Volksblatt v. 19.10.2006)

Von unserem Redaktionsmitglied KATJA GLATZER-HELLMOND

Beim Zahnarzt kann mit Tiefenentspannung fast schmerzfrei behandelt werden

WÜRZBURG Durch Hypnose weniger Schmerzen verspüren. Kann das wirklich sein? Ja, sagen die Würzburger Zahnärzte Andrea Behr und Eberhard Mathes . Zum Aktionstag „Sanfte Zahnheilkunde" führten sie in die Behandlungsmethode ein.

„Du spürst in Deinen Körper hinein, er fühlt sich ganz leicht an. Stell Dir vor, Du gehst am Strand entlang. Du hörst das Rauschender Wellen und Deine Füße spüren den Sand", erklingt leise und monoton die Stimme von Zähnarzt Eberhard Mathes . Er erzählt von einer Tür, die man passiert, von einer Treppe mit zehn Stufen, die es hinab geht: „Eins, zwei, drei..., jetzt machst Du die Tür hinter dir zu. Konzentrierst dich nur auf den Strand und das Meer."

Nach etwa 20 Minuten ist der Patient in einer Phase der Tiefenentspannung angelangt und die eigentliche Arbeit für den Zahnarzt be­ginnt. Jetzt kann er bohren, Inlays einsetzen, sogar Zähne ziehen und operieren, ohne dass der Patient allzu starke Schmerzen zu erleiden hat - auch ohne Betäubung. Besonders für Menschen, die eine ausgeprägte Dentalphobie (Angst vorm Zahnarzt), allergische Reaktionen auf örtlich   wirkende Betäubungsmittel oder eine mangelnde Anästhesiewirkung haben, kann die sanfte Methode Abhilfe schaffen, erklärt Mathes. Durch die Hypnose entspannen sich die Muskeln und der Mund gibt nach. „Der Patient ist mit seinem inneren Erleben angenehm beschäftigt, reagiert aber auf Ansprechen und hat seine natürlichen Reflexe erhalten", so Mathes weiter. Eine Garantie für eine völlig schmerzfreie Behandlung gebe es nicht, aber „unter Hypnose wird der Schmerz viel weniger wahrgenommen". Außerdem verschwindet das Zeitgefühl: „Oft meinen die Patienten, es sei vielleicht eine halbe Stunde vergangen, dabei sind es in Wirklichkeit zwei", sagt der Experte.

Die Methode der Hypnose schließe natürlich eine Spritze nicht zwangsläufig aus. Bei Kindern, erklärt Zahnärztin Andrea Behr, könne man während der imaginären Reise aufs Fußballfeld oder den Spielplatz problemlos eine Spritze setzen, ohne dass sie den Pieks spüren, „beispielsweise indem man eine stachlige Kastanienschale in die Geschichte einbaut, die das Kind mit der Hand erfühlt". Ängste von Patienten, dass sie aus der Hypnose nicht wieder zurück kehren oder diese sie zu unfreiwilligen Aussagen und Handlungen zwingen könnte, seien unbegründet, so die Ärzte, die beide eine Zusatz­ausbildung absolviert haben und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose (DGZH) sind. Jeder Hypnotisierte hat während der gesamten Behandlung die Möglichkeit, „Stopp" zu sagen.

Mathes Patientin Gudrun Landbeck hat mit der Hypnose sehr gute Erfahrungen gemacht. Vor Kurzem wurde ein Inlay in einen Backen­zahn eingesetzt, mehrere alte Füllungen sollten außerdem durch Keramik ersetzt werden. „Mein Wunsch war eigentlich nur, dass ich keine Schmerzen erleiden muss", sagt sie. Bei dem Spaziergang auf der Frühlingswiese mit   Vogelgezwitscher erholte sie sich so gut, dass sie sich nach der Behandlung besser fühlte als zuvor. „Ich hätte Luftsprünge machen können", sagt sie lachend. Und: „Während der Hypnose bin ich zwar ganz bei mir, habe aber immer noch Kontakt zu meinem Umfeld." Geräusche wie zum Beispiel das Knallen einer Tür nehme sie wahr, aber nur ganz am Rande, „deshalb ist wahrscheinlich auch das Schmerzempfinden eingeschränkt".

Wichtig, so Mathes, sei ein intensives Gespräch und Aufklärung vor der Behandlung. „Da frage ich meine Patienten auch, an welchen Orten sie sich besonders wohl fühlen, damit ich diese in die Entspannungs-Reise einbauen kann." Und: „Es macht keinen Sinn, jemanden zu hypnotisieren, der die Methode für Unsinn hält. Das klappt nicht." Wichtig, erklärt Andrea Behr, sei auch, dass zwischen Arzt und Patient ein gewisses  Grundvertrauen  besteht.

Dass gleichzeitiges Reden und Bohren manchmal anstrengend sein kann, bestätigt Mathes. „Bei kleineren Eingriffen geht das, bei größeren gibt es die Möglichkeit via Kopfhörer mit Entspannungsmusik die Therapie fortzusetzen oder mit einem Psychologen zu arbeiten." Außerdem, so der Experte, nehme er die Behandlung nach Absprache oft auf Video auf, um sie im Nachhinein mit dem Patienten oder auch Kollegen zu besprechen. „Wir wollen den Kontakt von Würzburger Zahnärzten, die mit Hypnose arbeiten, intensivieren", da sind sich Mathes und Behr einig.

H. Gehrlich